Seien wir einmal ehrlich: Wir Autofahrer haben uns die Welt zu Füssen gelegt. Wenn wir in unserem Auto sitzen, dann fühlen wir uns wie Könige in unserem kleinen, freien Königreich. Sicher, es gibt viele Gesetze und Richtlinien, an die wir uns halten müssen. Solange wir aber innerhalb der gesteckten gesetzlichen Grenzen bleiben, verhalten wir uns richtig. Glauben wir.

Gerade in Grossstädten wie Zürich und deren umliegenden Gemeinden wird der Ruf nach immer mehr Tempo-30-Zonen, insbesondere in Wohnquartieren, immer lauter. Gleichzeitig empören wir uns als Autofahrer, häufig von auswärts kommend, gegen diese Drosselung unseres persönlichen Fortkommens.

Nur zu gerne legen wir als Autofahrer die gesetzlichen Leitplanken zu unseren Gunsten aus und dulden nur unser eigenes Recht.

Geschwindigkeitslimite

Ein Geschwindigkeitsschild ist im Prinzip ein Verbotsschild, z.B. ein Verbot, schneller als 50 km/h zu fahren. Das Verkehrszeichen sagt aber nur, dass wir nicht schneller fahren dürfen als 50 km/h. Wir dürfen durchaus langsamer fahren und sollen dies sogar, wenn die Situation es von uns erzwingt. Wir legen dieses Verbot aber gerne auch zu unserem Gunsten aus, in dem wir meinen, dass wir unabhängig von der Situation immer 50 km/h fahren zu dürfen und dass wir auch ein paar km/h schneller fahren dürfen. In der Schweiz ist dieses gefühlt erlaubte Mehr tatsächlich etwas geringer als z.B. in Deutschland, wo wir ein Geschwindigkeitsverbotsschild nur als eine Empfehlung ansehen.

So nehmen wir uns das Recht heraus, andere Autofahrer bedrängen, wenn diese langsamer fahren und uns aufhalten. Für diesen Fall gäbe es aber ein anderes Verkehrszeichen, das Gebotszeichen, das die 50 km/h von uns erwartet. Wir vergessen nur zu gerne den Unterschied zwischen den beiden Verkehrszeichen.

Fussgängerüberwege

Ein Autofahrer hat gefühlt mehrheitlich immer Vorrang vor anderen Verkehrsteilnehmern, ausser an Ampeln und Fussgängerüberwegen. Und wenn man sich das einmal recht überlegt, ist das ein sehr grosses Königreich der Automobilen Freiheit. Wenn eine Person, die nicht auch in einem Auto sitzt, die Strasse queren will, dann muss sie entweder warten, sich eine Ampel oder einen Fussgängerüberweg suchen.

Ganz speziell sind Velofahrer. Wenn ein Veloweg die Strasse kreuzt, so hat ein Automobilist Vorrang vor dem Velofahrer.

Das Recht des Stärkeren

Der Stärkere hat gefühlt Vorrang vor dem Schwächeren. Macht der Schwächere sich noch schwächer, also zum Fussgänger, so hat er nur dann Vortritt, wenn dies an einem Fussgängerüberweg passiert.

Wenn eine Person über die Strasse geht und dies nicht an einem Fussgängerüberweg macht, überfahren wir diese Person dann, weil wir uns im Recht fühlen? Nein, aber wir hupen, um unser Recht durchzusetzen.

Wenn wir Kinder am Strassenrand spielen sehen, bleibt unserer rechter Fuss auf dem Beschleunigungspedal? Oder verringern wir unsere Geschwindigkeit? Nein, wir hupen, um unser Recht durchzusetzen.

Wenn eine sehbehinderte Person, erkennbar durch einen weissen Stock, am Strassenrand steht und deutlich macht, dass sie über die Strasse will, was machen wir dann? Halten wir an und helfen ihr? Nein, wir hupen, um unser Recht durchzusetzen.

In den letzten Jahren fühlen wir uns generell immer stärker durch Gesetze limitiert und vielleicht auch machtlos gegenüber Arbeitgebern und den Gesetzgebern. Dies hat in uns bewirkt, dass wir uns selber über andere Menschen stellen, wenn sich uns eine Chance bietet. Anstelle von einer Gemeinschaft erzeugen wir so eine Gruppe von Egomanen.

Wir bellen den Fussgänger an, ob er nicht gesehen habe, dass wir unser Auto retour setzen. Er soll doch so lange warten, bis wir unseren Vorgang beendet haben.

Ich bin ein Fussgänger im Auto

Als ich einmal mit dem Elektroauto von einer Hotelgarage durch eine Fussgängerzone fahren und einer Gruppe von Fussgänger hinterher schleichen musste, wurde mir bewusst, dass ich als Autofahrer auch nur ein Fussgänger bin. Nur sass ich eben in einem Auto, das keinen Lärm macht. Weil ich nicht gehört wurde, musste ich mich den Fussgängern vor mir anpassen. Hätte ich dank eines Verbrennungsmotors Lärm gemacht, dann hätten die Fussgänger mich gehört und aus Gewohnheit vorbei gelassen.

Damit wir Autofahrer diese schlechte Gewohnheit beibehalten können, brauchen wir immer lautere Auspuffe. Anstelle dass Autofahrer die Pflicht haben, auf Schwächere Rücksicht zu nehmen, helfen die Blindenverbände den Autofahrern dabei, weiterhin die Stärkeren zu sein. Sie zwingen die leisen Elektroautos dazu, Lärm zu erzeugen, damit die anderen Menschen unsere Autos hören und beiseite treten können und so den Autofahrern ihr angestammtes Recht des Stärkeren auf Vortritt nicht streitig machen.

Wir lernen: wer Lärm macht oder heisse Luft auslässt, der erscheint wichtiger als andere Menschen. Wer in einem Auto sitzt sowieso.


Photo by Ashim D’Silva on Unsplash.

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